6.11.2016: Fast fünf

Ein Zauberer ging den Weg entlang. Da sagte er zu dem Einhorn: Geh und suche den Schatz. Das Einhorn fand aber nichts zu fressen. Schließlich starb das Einhorn. Der Zauberer fand den Schatz.

03.11.2016: Fertig!

Aus nicht näher bekannten Umständen ist ein 1000-Teile-Puzzle auf unserem Wohnzimmer-Boden verteilt worden. Natürlich nicht zusammengesetzt, sondern eben in Einzelteilen. Zweifel beschlich mich: Was, wenn gar nicht alle Teile da sind? Dummerweise kann man sie nicht einfach zählen, in einem 1000-Teile-Puzzle sind typischerweise zwischen 997 und 1009 Teile, je nach Stanzung. Aber eben fast niemals nicht genau 1000!

Also überlegte ich mir, dass man das ja über das Gewicht lösen könnte, man kennt die Abmessungen, die Pappstärke und das relative Gewicht. Tjahaa, aber wenn die Puzzle-Teile in einem feuchten Millieu nun ein paar Gramm Wasser aufgenommen hatten? Vielleicht genau so viel, dass es genau einem einzelnen Stück entsprechen würde und ich dann eben immer noch nicht weiß, ob mir eines fehlet?

Ich nahm also ein Puzzle-Teil und wog es, mal so, dann nach einer Dampfbehandlung. Das Gewicht nahm nicht sonderlich zu. Vielleicht, wenn man es kurz auf den verregneten Balkon legte? Ja, nun wiegt es mehr, könnte auch an dem nassen Erdklumpen liegen, das nun untrennbar mit dem Stück Karton verbunden ist. Schnell wieder sauber gemacht. Mist, jetzt sind die Kanten ausgefranst, vielleicht mit einer Nagelschere...?

Meine Frau hatte in der Zwischenzeit das Puzzle gelegt. Dank meiner Experimente fehlte nun tatsächlich ein Teil. Wie schön, die Unsicherheit beseitigt zu haben!

19.09.2016: Prickelnd

Prickelnde Versuchung. So steht es auf der Verpackung. Es handelt sich um eine Dresdener Badepraline, die so groß wie eine Männerhand ist (also viel größer als meine). Wenn man sie ins Wasser gibt, macht es ein sehr unflätiges Geräsch, nicht so ein pralinenhaftes Plitsch, sondern eher so ein Wackersteinplönck. Geprickelt hat das Ding ooch. Aber wie! Und wo! Das versuche ich nicht noch einmal!

31.08.2016: Werbe-Haiku

Habe heute mein Haar gewaschen (ja, es ist schon wieder ein Monat um); auf der Shampoo-Packung stand folgende Werbung für das Produkt:

Creme regenerierend
Beschädigt Haar
Creme trägt bei zur Delikatesse

Na, dann..

29.08.2016: Titel vergessen

Ich war gestern ohne Smart-, i- und Fairphone unterwegs, konnte also keine Photos von der wunderbaren Situation machen. Es war einfach nur schön, eine Schönheit, wie sie in antiken Texten beschrieben wird. Kurzum: Ich befand mich an einem wahren Locus Amoenus, das Bild, das sich vor mir auftat, ist schwer zu beschreiben, man müsste schon dabei gewesen sein. Es war, ach, wie sage ich das..

..nunja, wieder zu Hause angekommen, berichtete ich meiner Exfreundin freudig von der Erfahrung des absolut Schönen, das ich ohne digitale Fußfessel erst so richtig genießen konnte.

»Das hast du mir doch vor drei Wochen schon einmal erzählt.»

Stimmt. Ich hatte das nur vergessen. Weil ich kein Photo davon gemacht habe.

1.n.n.Z.

Neue Zeitrechnung heißt in diesem Fall: Ich habe meine Zugangsdaten zu diesem Blog wiedergefunden! Yay! Das Passwort war 392 Zeichen lang, daher konnte ich mir das ohne Merkhilfe nicht merken. Hier hilft uns der Zeichner Randall Munroe, wie immer, weiter: xkcd: Password Strength.

31.3.2016: 0,8

Das Bizarr-O-Meter muss ja jeden Tag geeicht werden, und so freute es mich, mit einer normalen Berlin-Begegnung das Gerät auf Null stellen zu können. Ich kam gerade vom Bäcker, nahm Einkäufe und Kleinkinder unter den Arm und grüßte eine Nachbarin. »Also, in Süddeutschland hängt man den Kindern Bernsteinketten um, wenn sie Zähne bekommen. Gibts auch im Reformhaus.« Äh, Danke? »Jetzt wirds ja auch wärmer, da können Sie ja den Hermelineinsatz weglassen.«

Nach dem Hermelin-Satz beschloss ich, das Messgerät auf 0,3 zu stellen, ist ja keine exakte Wissenschaft, diese Bizarrheitsbestimmung. Noch auf dem Treppen- Absatz hielt mich der Hausmeister auf: »Kinder können einem gar nicht mehr helfen. Früher half ich immer mit, aber heute.« Ja, ja, entgegnete ich, um das Gespräch nicht fortsetzen zu müssen. »Schauen Sie, die ist aus Russland.« Er hielt mir sein Smartphone hin und wischte über ein paar Bilder einer Frau im roten Pullover. »Ich bring die Einkäufe rein, die sind schwer«, rettete ich mich. Aber Mist, blöder Mist: Die Milch war noch unten, die hatte ich abgestellt, um meine Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Oh Nein! Also gut, vielleicht ist er ja die Hecken schneiden oder was man im Frühling so macht. Denkste. Er stand direkt vor meiner Tür: »Und die ist aus Aserbaidschan. Auch jung. Hmm.. Und mein Sohn hilft mir gar nicht bei der Entscheidung! Das müsse ich schon selbst wissen, meint er.«

Ich lächelte und warf einen verstohlenen Seitenblick auf das Bizarr-O-Meter. Es zeigte 0,8. Gar nicht übel für neun Uhr morgens.

24.3.2016: Frühlings-Erwachen

An der Drogeriemarkt-Kasse stand der Vater etwas ratlos und vor allem: im Weg. Er schien über irgend etwas nachzudenken, wollte sich vielleicht an irgend etwas erinnern. Da kamen drei Kinder im Alter von 3, 5 und 9 auf ihn zu, riefen »Papa« und »Pipi« und »Elsa« so laut und direkt in seine Eustachi'sche Röhre, dass er eigentlich hätte zusammenzucken müssen.

Stattdessen klärte sich sein Gesicht; seelenruhig schritt er zum Regal und nahm sich eine Packung Kondome mit. Aha.

13.3.2016: Altersdiscriminatio

Au, mein Schädel. Gut, jetzt ist es offiziell, ich muss die Chucks einmotten, im Bus etwas weiter vorn sitzen und die Plastiktüten sorgfältig falten und natürlich: wiederverwenden. Dann schütte ich den Vodka weg und stelle einen Single Malt in den Giftschrank. Tja, feiern is nich mehr, jetzt gibt es nur noch Feste. Naja, jetzt kann ich vielleicht wieder öfter etwas schreiben hier, wenn Spaßhaben und Unvernünftigsein von meinem Körper boykottiert werden.

9.2.2016: Altersdiskriminierung

Auf dem Weg zur Kinderfaschingsfeier wurden meine Tochter und ich noch mit Glückwünschen überhäuft. Ein Elefant (sie) und ein Zoowärter (ich), nein, wie wunderbar!

Auf dem Rückweg war ich allein und musste die mitleidigen Blicke aushalten. Zoowärter, ja? In deinem Alter, hm? Naja, vielleicht ist es ein Westdeutscher, dort verkleidet man sich ja wohl an Fasching. Ist denn heute Fasching? Ach so, na dann.

28.01.2016: Orthograffiti

Eine logopädische Praxis hatte einen Aufsteller mit Werbung für ihre Leistungen nachts vor der Tür stehen lassen. Am nächsten Morgen kam ich zufällig daran vorbei und bemerkte, dass ein Unbekannter mit der Spraydose zwei Rechtschreibfehler korrigiert hatte. Seitdem muss ich ständig darüber nachdenken, weiß aber nicht genau, warum.

Eine logopädische Praxis, die in der Praxis des Logos (also der Schrift) ungeübt ist? Ein Sprayer, der in Schöneberg nichts besseres zu tun hat als Fehlerteufel zu spielen?

Einen Tag später (also heute) fiel es mir ein: Die Farbe der Markierungen traf genau, aber haargenau diesen Rot-Ton des Füll-Federhalters meiner Grundschullehrerin. Nicht Karminrot, eher ein Arterienblutrot mit ein paar Tropfen Magenta vermengt. Das Grundschullehrerinnenfüllerrot. Als Graffito.

Es gibt Dinge in der Biographie, die schon verdammt tief verwurzelt sind.

20.01.2016: Wünsche

Im Briefkasten finde ich eine DHL-Benachrichtigung: Ihre Sendung wurde bei Ihrem Wunschnachbarn abgegeben.

Aufgeregt klingle ich an der Wunschnachbarstür. Tja. Von wegen! Nix mit dunkelhaarigem Hubschrauberpiloten, es war nur mein tatsächlicher Nachbar Horst.

19.01.2016: Kartoffeln

Es gibt eine tolle Szene in der britischen Serie «The IT Crowd», in der zwei Angestellte ihren Vorgesetzten mal so richtig reinlegen wollten. Sie zeigten auf einen kleinen schwarzen Kasten, auf dem ein rotes Licht prangte, und erklärten feierlich: «This, Jen, is the internet!» Nachdem die angesprochene Person das kleine Kästchen hob, war sie ob der Leichtigkeit erstaunt. Aber das Internet wiege doch nun mal nichts, war die beruhigende Antwort. Und wo sind die Kabel? Es ist doch Wireless!

Um die Sache abzukürzen: Der Scherz ging nach hinten los, als Jen eine Rede hielt und eben dieses «In-ter-net» präsentierte, bekam sie anerkennenden Beifall statt Hohn und Spott zu hören. Die beiden Techniker fragten sich verzweifelt, warum denn niemand lachte?

Am Exzellenzcluster der ***-Universität zu *** wurde nun ein ähnlicher Scherz durchgeführt. «Wir hegen einen so großen Genialitätsverdacht gegen uns, das wir nicht merken, wie hohl und austauschbar unsere Forschungsbetrachtungen geworden sind. Ja, ich denke sogar, wir könnten aus dem Stegreif über die Kartoffel sprechen und zwar in der selben Tiefe wie über die Themen dieses Clusters.» — Der provokante Vortrag dauerte nicht lang, es war genug Zeit für Fragen.

Und plötzlich fingen die Anwesenden an, aus ihrer Sicht über die Kartoffel zu sprechen. Die Morphologie der Kartoffel ähnle doch ziemlich.. ..aber auch die Kulturgeschichte der Schälwerkzeuge ist eng damit.. ..wobei natürlich die Metaphern rund um Kartoffel einen Eindruck davon geben.. ..den Vodka nicht zu vergessen.. ..die Radikalität der Knolle, die gleichsam einem Rhizom.. ..auch die post- koloniale Sichtweise.. ..bei Betrachtung der epigäischen Keimung fällt auf..

Bevor auch ich etwas zu Chiloé sagte, fiel mir auf, dass noch niemand auf den Vorwurf der Beliebigkeit der Wissenschaftsgegenstände eingegangen war. Aber da der Vortragende wimmernd in der Ecke saß, war das wohl auch nicht weiter wichtig.

15.12.2015: Doppelsinnig

Ist es ein Kompliment, wenn einen eine ältere Dame anspricht und folgert: Sie machen sicher etwas mit Computern oder so? Da der Angesprochene nichts gesagt hatte, was ihn verraten könnte, erklärte die Dame: Mein Sohn ist Bankier und das genaue Gegenteil von Ihnen. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob es als Kompliment gedacht war.

Die Dame wußte auch noch, dass es in Berlin über 74 Weihnachtsmärkte gibt. In Schöneberg merkt man davon nichts, wenn man mal vom obligatorischen KaDeWe-Schmuck absieht. Liegt vielleicht auch am warmen, regnerischen Wetter. Und daran, dass in den Supermärkten schon seit Oktober Weihnachten ist, wer weiß.

9.12.2015: lost & found

Sie lesen nun eine Suchannonce aus dem World Wide Web: Die Halter der drei falsch geparkten Boeings 747-200F werden umgehend gebeten, ihre Flugzeuge umzuparken. Ich wiederhole, die Halter..

16.11.2015: Internationales

Neueröffnete Läden ziehen mich magisch an, besonders wenn auf dem Schild über dem Eingang die Wörter Feinkost, Internationale und Spezialitäten stehen. Vor dem Weinregal blieb ich wohl einen Tick zu lange stehen, denn sofort war die Ladenbesitzerin neben mir. Der Georgische Rotwein sei besonders zu empfehlen, Sieger in seiner Preisklasse 21-24 Euro! Eigentlich wollte ich gar keinen Wein, aber gegen einen Chilenen hätte ich nichts einzuwenden. Wie bitte, China? Nein, nein, Chile. Chi-le? Chile? Die haben Wein dort? Auf meine Entgegnung, dass Chile der zweitgrößte Weinexporteur sei (keine Ahnung, ob das stimmt, die Wikipedia-Seite dazu gibt nicht so viel her), meinte sie, nur der Georgische Wein sei bei dieser Jahreszeit zu genießen. Haben Sie denn noch Wein aus einem anderen Land? Wir haben hier noch einen Halbtrockenen. Aus? Georgien. Ich gestehe, ich kenne Georgische Weine nicht so gut, haben Sie noch Weißweine aus einem anderen Land? Ja, wir haben viele Weißweine aus Georgien hier. Und tatsächlich, wohin ich auch blickte, Wein aus Georgien, mal mit hübschen Etiketten, mal schlicht, aber stets mit lateinischen Buchstaben bedruckt.

Der geordnete Rückzug war aufgrund der strategischen Positionswechsel der Ladenbesitzerin nicht mehr möglich, ich tat so, als ob ich das Kräuter-Regal studierte. Leichtsinnigerweise nahm ich eine Gewürzmischung aus dem Regal, auf der Hmeli-Suneli stand — mein Hirn feuerte gleich ein paar maltesische Neuronen und produzierte ein Hrugh-Zugh... Damit war mein Schicksal als Kunde besiegelt. Hmeli-Suneli ist das Georgische Gewürz. Ach was, steht ja drauf, welch ein Zufall. Woraus besteht es denn? Sie nimmt mir die Packung ab und liest die kyrillischen Zeichen vor, es klingt wie Hmeli-Suneli. Für die Georgische Küche, erklärt sie mir. Danke? Ich nehme die Packung, sie kostet nur einen Euro für 80g Gewürz, das hätte teurer werden können.

Der Kassierer — offensichtlich der Lebensgefährte der Ladenbesitzerin, denn auch wenn ich nicht verstanden habe, was sie zu ihm sagte, das Wie kenne ich nur zu gut (wie alle glücklich verheirateten Menschen) — verzog sich schnell, die Ladenbesitzerin griff in einen wenige Sekunden zuvor noch abgeschlossenen Schrank und schnitt ein paar Scheiben eines Laibs ab, der entfernt an Brot erinnerte. Das ist mit Rosinen, gut, nicht wahr? Interessant, sagte ich wahrheitsgemäß, das reichte ihr wohl und sie packte ein völlig anderes Brot auf das Förderband. Macht drei Euro und vier Cent. Da das Hmeli-Suneli einen Euro kostete, vermute ich mal, das Brot kostete den Rest. Und wer bin ich, dass ich etwas an einem Preis von zwei Euro und vier Cent für ein echtes, internationales, Georgisches Rosinen-Brot auszusetzen hätte?

P.S.: Es gab in der Tat zwei Produkte, die nicht aus Georgien stammten, insofern ist der Zusatz Internationale vor dem unzweifehlhafen Spezialitäten wohl gerechtfertigt.

12.11.2015: This blog entry will blow your mind

Wir versuchen gerade seit über einer halben Stunde, etwas über den Erfinder des Laubbläsers herauszufinden. Die Wikipedia listet einen Don Quinto, allerdings ohne Beleg und weitere Ausführungen. Bereits 2009 spekuliert ein Blogger, ob der Name nicht das Analogon zum Regisseur-Pseudonym Alan Smithee ist — was ja durchaus passend wäre; er schreibt über Don Quinto:

I’m glad that he remains a figure shrouded in mystery. Or perhaps Dom Quinto is a pseudonym like Alan Smithee, a name used by film directors who want to disown a particularly bad project. That would be appropriate, since for many of us the leaf blower is one of the most vexing of modern inventions.

Warum wir nach dem Erfinder dieses technischen Artefakts suchen? Warum das hier erwähnt wird? Na, weil man zur Zeit sein eigenes Wort nicht me wuuuuschzooomdröhn

9. November!

(An diesem Tag kann ich nichts Unpolitisches schreiben, Entschuldigung!)

6.11.2015: Auf, Zählung!

In einem FAZ-Artikel von heute stand der holprige Satz:

Er ist aus Bagdad und spricht nicht so gut Englisch. Es reicht aber, um auf zu zählen, welche Bevölkerungsgruppen sich in der Unterkunft anständig aufführen, welche nicht.

Auf, Leerzeichen, zu, Leerzeichen, zählen? Ich habe mich nicht getraut, im Duden nachzuschlagen, pardon, nach zu schlagen, ob man das so schreiben darf. Ich befürchte, leider schon! Toll, nun weiß ich nicht, was ich mit folgendem Satz anfagen soll:
Er hat das Auto um zu fahren.
Fehlt da ein Komma? Ist das eine Aufforderung, sollte also ein Ausrufezeichen hin? Soll er, im diesem Fall, dem Auto nun ausweichen oder es über den Haufen fahren?

Ich gebe zu, wenn ich mich nicht über die Formulierung »spricht nicht so gut Englisch« so geärgert hätte, wäre mir das wahrscheinlich nicht einmal auf ge fallen.

post scriptum (12.11.): Heute sah ich in der Zeitung das Photo einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, wo das Lied der Deutschen in Fraktur an der Wand hängt. Dummerweise ging diese Deutschtümelei etwas nach hinten los: Die Hymne hatte einen Rechtschreibfehler!

30.10.2015: Noch n Gedicht (I)

Muster erkennen? Struktur übersehen.
M D M D — Pentateuch'sches Korsett;
Dann F S S — eine Pause? Wie nett!
(Klar, Sarkasmus ist nur allzu gut zu verstehen.)

9.10.2015: dark future

Aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen weiß ich, dass Science Fiction nicht zum bevorzugten Genre meiner Leserschaft zählt. Daher mag nicht bekannt sein, dass ein wiederkehrendes Element bei den Werken aus den 1980ern die Kommerzialisierung der Alltagshandlungen war. Bei Philip K. Dick mussten Protagonisten etwa eine Münze in die Kaffeemaschine einwerfen, bevor diese heißes Wasser ausspuckte.

Ich erzähle das, weil ich in Leipzig nun etwas ähnliches erlebt habe; wahrscheinlich war es als Anreiz zur Müllvermeidung gedacht, ich fand es auch sinnvoll, aber dennoch! Willkommen in den Science-Fiction-Werken des 20. Jahrhunderts: Der Mülleimer im Hof öffnete sich nur nach Kartenzahlung (micro payment, 8 cent pro Öffnung). Der Gelbe Sack sowie Papiertonnen waren frei zugänglich, nur eben der restliche Hausmüll musste in eine winzig kleine Öffnung gezwängt werden. Im Anschluss spie der Kartenleser die Guthabenkarte regelrecht aus, was einen zur demütigen Haltung vor dem allmächtigen Müllberge zwang. (Huch, schon zwei Mal Zwang in diesem Absatz; fühle ich mich derart bedrängt?)

Lesen zum Hinterfragen von Alltagshandlungen.. Das ist Science Fiction in einem Wort! In diesem Sinne gibt es hier eine Kurzgeschichte von Philip K. Dick: Beyond Lies the Wub, die sich mit unserem Fleischkonsum beschäftigt. So, ich mach mir jetzt ein Spiegelei mit Speck — und werde die Eierschalen natürlich nicht in den Restmüll werfen, sondern kompostieren.

15.9.2015: Wat kiekst'n so, Fatzke?

War mit n paar Kumpels am Wochenende am Starnberger See, wo wir Land und Leute kennenlernten. Naja, mehr Land als Leute, denn aus irgendeinem Grund waren wirklich alle Personen, die wir ansprachen (oder die uns schräg von der Seite anquatschten), aus Berlin. Exil-Berliner, ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Der lokale Bildhauer, der eine »Nazibraut-Gedenktafel« (Zitat) erklärte, die Crêpes-Verkäuferin, der Kassierer im Biergartenkassenhäuschen.. ..gut, wir sprachen wohl nicht mit allzu vielen Leuten dort. Also, was sagt das aus? Nichts. Es hat es immerhin zum Blog-Post gebracht.

3.9.2015: Wasser macht stumpf

Am letzten heißen Tag gingen wir mit einer befreundeten Familie an einen Badesee, der eben von einem Bademeister überwacht wird. Ständig hörten wir seine Durchsagen, dass sich dieser oder jener Schwimmer doch bitte auf seinen nicht-schwimmenden Nachwuchs aufpassen solle oder dass Wasserrutschen aus Gummi bitte nicht mit Schwimmflügeln betreten werden sollten et cetera.

Eine Meldung wurde jedoch so häufig wiederholt, dass man einen, nun, wie soll ich schreiben: Abstumpfungseffekt ausmachen konnte:

Da wir dann gehen mussten, weiss ich nicht, ob aus dem Unfall mit Todesfolge über ertrunken zu ersoffen noch etwas schlimmeres geworden ist.

Klarstellung: Der mutmaßliche oder tatsächliche Unfall ist natürlich schrecklich, und ich wollte nicht respektlos gegenüber Unfallopfern wie auch Bademeistern sein. Kinder legen allerdings jedes Wort auf die Goldwaage, und wenn man dann eben nach der Bedeutung von ersoffen gefragt wird, denkt man mehr über die Form als über den Inhalt einer Aussage nach. Inhaltlich würde ich die Ursachen vielleicht weniger im Wurzelwerk als vielmehr im Alkohol- oder Drogenkonsum suchen. In der Schweiz und Österreich gehört die Forderung, nie alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss ins Wasser zu gehen zu den Baderegeln, in Deutschland nicht.

17.8.2015: Luft! Luft! Luft!

Wie es nun schon Tradition hat, beginnt auch dieser Beitrag mit einer Ausrede, warum nicht viel mehr Zeichen über den Äther in dieses Blog übertragen wurden. Ganz einfach: Es gab keinen Äther, ich war tatsächlich richtig im Urlaub, ohne Internet, Dissertationslektüre, aber leider mit Handy. Dort erreichte mich auch eine Anfrage von ver.di, ob ich nicht über smart cities nachdenken möchte. Das mache ich, sobald ich Luft habe, gern.

Luft, genau, eigentlich war der Anlass dieser Zeilen ein Twitterbeitrag eines Leidensgenossen, der auch bei dieser Hitze in der Bibliothek seine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit schreiben wollte:

Ach du meine Güte, wie peinlich, der Lüfter meines Uraltlaptops ist so dermaßen laut in diesem Stillarbeitsraum.. Andererseits bin ich auch stolz auf mein altes Gerät, das einfach nicht aufgeben will und unbedingt die Arbeit mit mir zusammen zu Ende bringen möchte.

Na, ein wenig lustiger ist es im englischen Original und wahrscheinlich ein Schenkelklopfer, wenn man tatsächlich der Besitzer eines sehr laut drehenden Lüfters ist. Der Grund der Rotation ist für euch nicht in Deutschland Weilende schnell auf wetter.de oder so nachzuvollziehen. In diesem Sinne sende ich euch einen Klassiker zu: Ventilator!

5.8.: #landesverrat

Ich habe eine Weile nichts mehr geschrieben, da ich mir nicht sicher war, nicht doch wegen Landesverrats angeklagt zu werden. Immerhin habe ich auf unbequeme Missstände hingewiesen (Milchpulverknappheit) und mich mit streikenden Arbeitern solidarisiert (»Alle Räder stehen still, // Wenn dein starker Arm es will.«) — das ist momentan nicht ungefährlich.

8.7.: Filter bubble (milk edition)

Ihr kennt das sicher auch, sobald ihr einen Hammer in der Hand habt, seht ihr nur noch Nägel. Oder der Klassiker: Man kauft sich etwas Neues — und sieht dann genau dieses Produkt tausendfach an anderen Menschen. Die aktuelle Instanz dieses Phänomens ist bei mir zur Zeit das Thema »Asiaten und Milchpulver«. Die Kassierer in den Drogeriemärkten sind angehalten, vorzugsweise asiatisch aussehenden Kunden zu unterstellen, sie würden Hamsterkäufe bei Säuglingsmilch vornehmen. Hinter mir standen zwei Kundinnen, die auf den ersten Blick erst mal nichts miteinander zu tun hatten, außer, dass Sie asiatische Gesichtszüge hatten. Die Kassiererin zog eine Milchpulverpackung über den Scanner, kassierte die erste Kundin ab, nahm dann die Milchpulververpackung der zweiten Kundin in die Hand und stellte sie vor sich auf den Boden. »Nur eine Packung pro Haushalt, Sie gehören doch sicher zusammen.«

Nachtrag: Ich lese gerade, dass das ein bekanntes Problem ist, das mit Milchpulverskandalen in anderen Ländern zu tun hat. Das muss ich noch mal genauer untersuchen..

6.7.: Äkta människor

Du hattest mich gefragt, wie ich die auf arte ausgestrahlte Serie »Äkta människor« von Lars Lundström finde. In Ermangelung eines Fernsehers (und aufgrund des blödsinnigen Depuplikationsdings der öffentlich(hah!)-rechtlichen Fernsehsender) musste ich noch etwas warten, bis ich in den Genuss der Serie kam. Mein erster Eindruck nach der ersten Staffel: Die großartigste Fabel seit Äsop! Besonders gelungen fand ich die Umkehrung eines bekannten Sujets: Wie sich der alte Lennart um den jung aussehenden »demenzkranken« Hubot Odi kümmert, ist rührend und aufwühlend zugleich. Es zeigt nicht nur das Problem der geplanten Obsoleszenz, sondern natürlich auch den Umgang mit Krankheiten im Allgemeinen und deren Verleugnung.

Das ist das Tolle an durchwachten Nächten: Man kann sich Serien endlich einmal (fast) am Stück ansehen. Gleich schau ich mir die Politserie »Borgen« an.. Ich werde berichten!

25./26.6.: Dymaxion

Buckminster Fuller entwickelte einen Wach-Schlaf-Rhythmus, der ihm erlauben sollte, die maximale Zeit wach bleiben zu können. Dieser sollte aus 30 Minuten Schlaf je 6 Stunden (also 2 Stunden von 24 Stunden) bestehen. Jetzt hat das ein Doktorand erneut probiert und schreibt:

The extra time was proving to be a wonderful benefit: 
I finished my first-year thesis; successfully defended 
it; decided that after finishing my doctorate I didn’t 
want to be in academia for the rest of my life; got a 
chance to explore Oxford University’s wonderful offerings 
without sacrificing on lab time; started exploring other 
career options, including writing, which eventually 
led me to become a journalist.

Jetzt weiß ich auch, was ich die ganze Zeit falsch mache! Beziehungsweise falsch gemacht habe; dieser Eintrag wurde um 4:45 Uhr verfasst. You call it Dymaxion — I call it parenthood. Dann widme ich mich mal meinen 80 Disketten...

8.6.2015: newsticker+++

Kalter Kaffee: Eltern junger Kinder kommen nicht zum Frühstücken.
Tomaten auf den Augen: Gärnter übersah einen Trieb beim Ausgeizen.
Lachsende Eltern: Fisch verantwortlich für lustigen Rechtschreibfehler.
Hosen voll: Junge Eltern haben Angst vor nächtlichem Wickeln.
Eitel Sonnenschein: Wolken müssen sich Anbetungen abschminken.

20.5.2015: You are many, they are few.

Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not -
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du, hämmerst, und du spinnst -
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn -

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt - o Volk. das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst - ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat's für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

PS: Mein Seminar in Süddeutschland fällt aufgrund des Bahnstreiks aus. Das Bundeslied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von 1863 soll meine Position in dem so genannten Tarifkonflikt deutlich machen.

17.5.2015: Basteln mit Flugschriften

Nur ganz kurz, aus aktuellem Anlass: Benutzt nie die Flyer aus dem Briefkasten zum Basteln! Als ich gerade einen Papierflieger falten wollte, las ich beiläufig auf der Rückseite einen Nachruf auf Gauck und Merkel, flankiert von verfassungsfeindlichen Parolen. Ein Glück kann das Kind noch nicht lesen! Ansonsten hätte ich in Kindergartensprache erklären müssen, wer oder was der gröfaz ist und was der mit Merkel und Gauck zu tun hat.

16.5.2015: Giotto

In der U7 stieg am Hermannplatz ein Mann mit sehr schmutzigen Fingernägeln zu, stellte seinen blauen Plastik-(Müllbeutel?-)Rucksack voller Giotto-Packungen an die gegenüberliegende Tür und begann, sein Abendessen vorzubereiten. Er halbierte ein Brötchen mit einer schwarzen Kreditkarte, hatte sichtlich Probleme mit der Kruste, wobei auch sehr viele Krumen fielen. Dann entfernte er das Innere des Brötchens, das auf Spanisch miga heißt, auch wenn Leo und Google-Translate etwas anderes behaupten. Am Südstern warf er sie (die miga) in die viel beachtete Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante, was ein nanu? bei den Fahrgästen auslöste, die ihn beachteten (also bei mir). Der krönende Abschluss bestand darin, eine der vielen Giotto-Verpackungen elegant aufzureißen, alle Kugeln in die Konkavität der Brötchenhälfte zu bugsieren und schließlich in das um die andere Hälfte ergänzte Brötchen zu beißen. Das sah so lecker aus, das ich für einen Moment vergaß, dass ihn die blanke Not zu dieser Kreation trieb. Der Beelitzer Spargel im Schinken-Eierkuchen-Mantel wurde auf den morgigen Teller verschoben, zu Hause genehmigte ich mir erst einmal ein Methadon-Giotto-Brötchen, also Nutella mit Maiswaffeln. Not the same, darling, not the same.

11.5.2015: Schöneberger Nächte..

Nein, ein richtiger Eintrag ist das noch nicht. Es soll euch einfach nur daran erinnern, dass ihr die verplanten Berliner mit ihren selbst auferlegten Fristen endlich hinter euch gelassen habt.

Tja, was sollen wir sagen. Wir haben lieber unserer Fantasy-Vorliebe gefrönt und uns die Verfilmung des Hobbits angesehen. Wie dämlich, besonders, wenn man das Buch gelesen hat. Mit dem Hobbit verhält es sich wie mit Swifts Gulliver -- mit dem Unterschied, dass man hier versucht, ein Kinderbuch zum Erwachsenenstoff hochzudramatisieren und Gullivers Gesellschaftssatire fälschlich als phantastisches Abenteuer gelesen wird.

Es freut uns, dass ihr unser Versprechen einfordern wollt. Nun denn, hier die erste Geschichte aus der Heimat: Die nachfolgenden Texte verzögern sich um wenige Augenblicke. Wir bitten um Entschuldigung. Die Gewerkschaft intensiv Nachtarbeitender (GiN) hat zu einem Online-Streik aufgerufen. Da wir viel zu faul sind, folgen wir ihm nicht, sondern senden euch kommendes Wochenende --wirklich!-- Banalitäten aus der Heimat. Vielleicht wird die Seite dann mit einem Passwort geschützt sein, wir werden sehen..

Es schließen die, räusper, Autoren dieses Blogs mit einem herzlichen..
   so long! and thanks for all the fish!